Schulden und Guthaben

Dieser „Artikel“ ist der Versuch auch Menschen ohne wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund die Tatsache bewusst zu machen, dass die Summe aller Schulden + der Summe aller Guthaben auf der Welt immer exakt gleich Null sind. Er war Thema des „Heidelberger Makroskopen Treffen“ vom Juni 2018 und wurde kontrovers diskutiert.
Entscheiden Sie selbst, ob dieser ungewöhnliche Zugang zum Thema Ihnen nützlich erscheint. . .

Schulden und Guthaben entstehen und vergehen beim Handel

Schulden und Guthaben gibt es auch ohne Geld.
Allerdings nicht ohne einen Handel – einen Deal – eine Vereinbarung – gleichgültig wie Sie es nennen möchten.

Wenn Ihr Ehepartner Ihnen anbietet: „Ich koch Dir Dein Lieblingsessen, wenn Du mir heut Abend die Füße massierst“ und Sie nehmen an, dann schuldet Ihnen Ihr Partner einmal Lieblingsessen und Sie ihm danach einmal Füße massieren. Das ist der Deal.
Umgekehrt haben Sie einmal Lieblingsessen gut und Ihr Partner einmal Füsse massieren. Es sind Schulden und Guthaben entstanden, in dem Moment, in dem Sie beide sich geeinigt haben.

Werden sich freie Handelspartner einig, dann sind die „Tauschwerte“ (Lieblingsessen und Fußmassage) in diesem Moment für die beiden gleich bewertet.
Bis zur Lieferung, haben nun beide Seiten etwas gut und umgekehrt schulden beide Seiten etwas.
Und die Guthaben und die Schulden haben exakt den gleichen Wert (für die Handelspartner zumindest, denn darauf haben sie sich ja geeinigt).

Wenn sie sich nicht auf ihr Gedächtnis verlassen, sondern 2 Zettel schreiben, die die Werte beschreiben (z.B. Essen kochen und Füße massieren), dann haben sie eine (zugegeben etwas merkwürdige) Art von „Geld“ geschaffen.
Und dieses ‚Geld‘ oder besser die ‚Schuldscheine‘ repräsentieren gleichzeitig Schulden und Guthaben.

Den Zettel „Füsse massieren“ erhält Ihr Partner und er bedeutet für Sie, dass sie ranmüssen – Ihr Partner hat was bei Ihnen gut.
Den Zettel „Essen kochen“ bekommen Sie und er bedeutet, dass sie das was draufsteht gut haben und Ihr Partner muss ran – an den Herd, in diesem Fall. . .

Wenn Sie sich Ihren Zettel so anschauen könnten Sie sagen: „Der Zettel ist mein Guthaben“.
Aber haben Sie sich jemals die Speisekarte in einem Restaurant angesehen und diese für das Essen gehalten?
Ich vermute nicht.
Das klingt lustig – ist aber entscheidend. Machen Sie sich das völlig klar – denn wenn Sie einen Moment darüber nachdenken: Beim Geld machen wir diesen Fehler andauernd! (Aber ich will nicht vorgreifen. . . )
Noch mal zurück zu den Zetteln:
Sie stellen sowohl dar, was einer schuldet, als auch was ein anderer gut hat.
Auf dem Zettel steht nicht wer wem die aufgedruckte Tätigkeit schuldet, oder wer Kochen oder Füsse massieren gut hat. Wer den Zettel gerade besitzt kann es beim anderen einlösen. Also lassen Sie sich ihren Zettel ja nicht von Ihrem Partner klauen, sonst müssen Sie massieren und kochen. . .
Wenn Sie es (aus irgendwelchen Gründen) nicht schaffen, diesen Zettel nicht als Ihr Guthaben zu betrachten, dann machen Sie sich wenigstens klar, dass eben dieser Zettel für Ihren Partner eine Schuld darstellt.

Nun aber weg von der Zettelwirtschaft. . .

Geld entsteht, wenn der Staat irgendwelche Zettel oder Münzen „Geld“ nennt und die Verwendung rechtlich verpflichtend macht, aber es ändert rein gar nichts am Prinzip von Schulden und Guthaben und wie sie immer gleichzeitig in gleicher Höhe entstehen und vergehen!
So einfach das ist, so schwer fällt es den meisten Menschen das wirklich ernsthaft zu glauben. . .

Das Problem mit dem Geld

Schulden und Guthaben sind immer gleich groß und löschen sich gegenseitig aus.
Diese Erkenntnis geht jedoch regelmäßig verloren, wenn wir (ähnlich dem Restaurantbesucher, der die Speisekarte mit dem Essen verwechselt) Geld mit Guthaben verwechseln.

Geld ist kein Guthaben! Guthaben ist meine Beziehung zu einem Geldbetrag, der auf einem Zettel oder auf meinem Kontoauszug steht. Schulden sind auch kein Geld. Schulden sind meine Beziehung zu einem Geldbetrag auf meinem Konto, oder bei meinem Nachbarn, der mir vielleicht  letzten Monat 10€ geliehen hat.
Was den Betrag auf einem Geldschein zu meinem Guthaben macht, ist die gerne übersehene Tatsache, dass er in meinem Besitz ist. Leihen Sie sich mal von Ihrem Nachbarn 10 €. Dieser Betrag ist nun exakt Ihre Schuld bei Ihrem Nachbarn und das bleibt auch so, obwohl Sie den Schein nun in Händen halten.

Schulden wir jemandem einen Betrag, dann hat er genau den gleichen Betrag bei uns gut. Es kann nicht anders sein, Guthaben und Schulden beziehen sich auf den gleichen Betrag. Sie sind identisch, nur der eine muss den Betrag hergeben, der andere bekommt ihn.
Dies wird jedoch regelmässig und stur ignoriert und am Ende komplett „vergessen“.
Es wird aus mehreren Gründen so leicht vergessen, z.B. weil jeder einzelne mehr Schulden als Guthaben haben kann. Die Gleichheit der Summe aller Schulden und aller Guthaben mit unterschiedlichem Vorzeichen (oder anders formuliert, dass die Summe aller Guthaben und Schulden immer exakt gleich Null ist), entspricht nicht unserer persönlichen Erfahrung. Statt dessen erleben wir jeden Tag, dass Schulden schlecht sind und Guthaben prima. Wir vergessen also leicht, dass das eine die notwendige Bedingung für das andere ist, dass das eine ohne das andere schlicht nicht existieren kann.

Und dies ist einer der größten Fehler in unserem Bildungssystem, der dazu führt, dass wir unser Wirtschaftssystem nicht verstehen. Und das betrifft traurigerweise sowohl hochintelligente Wissenschaftler als auch eher durchschnittlich finanziell begabte Normalbürger.
Das kann man kaum glauben, aber nichts ist stabiler, als unsere Vorurteile, die sich aus unseren eigenen täglichen Erfahrungen speisen.
Den Geldschein in unserer Hand nehmen wir (zu unrecht) als Guthaben wahr – dabei stellt er nur einen Betrag dar, der für uns und jemand anderen Schuld bzw. Guthaben darstellt und vice versa.

Wenn wir mit dem Geldschein nicht handeln, sondern ihn an die Wand nageln, oder ihn verbrennen, dann werden wir niemals etwas dafür bekommen. Dann haben wir auch nix gut. Wenn man nix dafür bekommt hat man auch kein Guthaben. Und niemand schuldet uns etwas für diesen Geldschein, wenn wir ihn nicht gegen etwas eintauschen. Klingt trivial – ist es auch – will aber trotzdem kaum jemand wahr haben. . .

Und die, die es verstanden haben, erklären es so kompliziert, dass es die meisten nicht verstehen.
Ich habe jedenfalls eine gefühlte halbe Ewigkeit gebraucht, um es zu verstehen.
Und jetzt kämpfe ich damit es anderen zu erklären . . .

Handel im Alltag

Sie gehen mit einem Geldschein zum Bäcker und tätigen einen Handel. „Bitte 20 Brötchen“. Der Bäcker wirft Sie nicht raus, sondern akzeptiert ihr Angebot. (Üblicherweise sagen wir Sie akzeptieren sein Angebot, aber ändert das etwas wesentliches?) Nun schuldet er Ihnen 20 Brötchen und Sie schulden Ihm den Geldschein. Sie haben 20 Brötchen bei Ihm gut und er hat den Geldschein gut. Wenn Sie die Bäckerei (mit 20 Brötchen und einem Geldschein weniger in der Tasche) verlassen, haben sich Schulden und Guthaben aufgelöst. Der Geldschein ist nun beim Bäcker und er kann damit einen anderen Handel abschließen und Schulden und Guthaben in gleicher Höhe erzeugen und bei Lieferung wieder vernichten.

Geld erleichtert den Handel – es ändert aber nichts daran, dass Schulden und Guthaben immer nur gemeinsam entstehen und vergehen können.

Schulden und Guthaben sind recht abstrakte Begriffe. Wenn Ihnen jemand ein Brötchen leiht, dann schulden Sie ihm die Rückgabe. Wenn Sie es verspeisen, wird er kaum akzeptieren daß nun seine Beziehung zum Brötchen erloschen sei, weil es ja weg ist. . . Natürlich bleibt Ihre Schuld und sein Guthaben (er hat ja bei Ihnen noch was gut – eigentlich das Brötchen, aber jetzt wenigstens etwas von gleichem Wert als Ausgleich) also unabhängig davon wie sie entstanden ist, bis zur ‚Rückzahlung‘ erhalten.

Weil unsere Vorurteile so stabil sind, kostet es Mühe und Anstrengung sie abzubauen. Und dann ist es auch noch ein etwas sperriges und ungewöhnliches Thema. Aber ich will hier einen Anfang machen – wohl wissend, dass die meisten das nicht ohne weiteres akzepieren werden. Ich habe selbst viel zu lange gebraucht, es wirklich richtig zu verstehen. Das ist peinlich, wenn einem die Einfachheit der Sache dann endlich klar ist. . .
Wichtiger ist es die Tragweite dieses merkwürdig anmutenden Themas zu verstehen.
Die wird massiv unterschätzt!

Folgerungen

Was ich damit meine (und die Hartnäckigkeit unserer Vorurteile) wird vermutlich schnell klarer, wenn wir das Gesagte auch nur auf ganz wenige konkrete Beispiele anwenden.

Also los:

  • Wenn ich einen 10 € Schein habe, kann ich mir wahlweise beim Bäcker, Metzger oder sonst einem in der Gesellschaft, Waren oder Dienstleistungen in Höhe eines Wertes von 10 € „einhandeln“.
    D.h. irgendjemand schuldet mir potenziell Waren oder Dienstleistungen im Wert von 10 €.
    Diese Schulden existieren aber nur potenziell. Verbrenne ich die 10 €, dann sind diese potenziellen Schulden im exakt gleichen Moment genauso verschwunden, wie mein (ebenfalls nur potenziell vorhandenes) Guthaben in Höhe von 10 €.
    Verbrenne ich den 10 € Schein, dann verschwindet sowohl meine Möglichkeit mir ein Guthaben von 10 € „einzuhandeln“, als auch unmittelbar die Möglichkeit jemanden zum Schuldner in Höhe von 10€ zu machen.
    Man könnte es auch so formulieren:
    Auf „meiner“ Seite des 10 € Scheins steht sozusagen: Hierfür kannst Du Waren oder Dienstleistungen im Wert von 10 € einfordern.
    Auf der anderen Seite (der Seite eines anderen Menschen, der mit mir diesen Schein gerne gegen etwas anderes eintauschen möchte) steht: Du schuldest Waren, Dienstleistungen oder andere Geldscheine im Wert von 10 €, wenn Du diesen Geldschein in Deinen Besitz bekommen möchtest.
    Blöd, dass das nicht wirklich draufsteht und wir das nicht in der Schule lernen, sonst würde es vermutlich jeder verstehen . . .
  • Wenn ich die 10 € auf´s Konto einzahle, dann ist es ein positiver Betrag auf meinem Konto.
    Offensichtlich ein Guthaben für mich.
    Dem müssen irgendwo auf der Welt 10 € Miese gegenüberstehen. Können Sie mir sagen wo? Bei meiner Bank. Die schuldet mir wieder einen 10 € Schein, wenn ich ihn wieder haben will.
    X € Guthaben sind immer exakt X € Schulden für jemand anderen.
    Wenn mir niemand etwas schuldet, hab´ ich nirgendwo was gut.
  • Wenn unsere Wirtschaft wachsen soll, dann bedeutet das, dass etwas entstehen soll, das vorher nicht da war, oder etwas geleistet wurde, das vorher nicht geleistet wurde.
    In diesem Prozess entstehen Gewinne, die ohne das Wachstum nicht entstanden wären.
    Gewinne lassen sich in unserem Wirtschaftssystem in Geldbeträgen ausdrücken. Sind also als Guthaben auf Bankkonten darstellbar.
    Also sind auch neue Schulden in gleicher Höhe entstanden. (Die Bank schuldet die Rückgabe des eingezahlten)
    Ohne neue Schulden keine neuen Guthaben.
    Ohne Schulden keine Gewinne. Haben Sie sich das jemals klar gemacht?
    Wenn Sie jemanden jammern hören, dass es immer mehr Schulden auf der Welt gibt, haben Sie jemals nachgefragt warum er sich nicht freut, dass es immer mehr Guthaben auf der Welt gibt?
    Dass nun möglicherweise etwas gewachsen sein könnte, dass vorher nicht da war?
  • Wenn Angela Merkel sagt: „Wir wachsen ohne Schulden“ dann ist das logischer Unsinn.
    Wachstum bedeutet irgend jemand hat neue Gewinne gemacht, also müssen neue Schulden entstanden sein.
    Wenn sie meint, dass wir ohne Schulden bei uns, also durch die Schulden des Auslands wachsen, dann ist es richtig. Aber dann verdanken wir unser Wachstum der Bereitschaft des Auslands sich bei uns zu verschulden. Das hat sie nach meiner Kenntnis noch nie gesagt. Statt dessen empfiehlt sie dem Ausland zu sparen. Das geht jedoch nur, wenn wir weniger wachsen, oder jemand bei uns sich stärker verschuldet. Wenn man das aber nicht dazu sagt und nicht erkennt, dass das Ausland nicht sparen kann, wenn wir nicht weniger Gewinn machen, dann hat man den einfachsten Zusammenhang von Schulden und Guthaben nicht verstanden.
    Wenn sie nur meinte, dass wir ohne neue deutsche Staatsschulden wachsen, dann sollte sie es vielleicht auch so sagen. . . Aber es ist ja auch nicht klar wer mit ‚Wir‘ gemeint ist. Der Staat sicher nicht, der hat je keine neuen Guhaben angehäuft. Ganz Deutschland auch nicht, denn es sind ja auch Leute ärmer geworden. In Summe ist Deutschland tatsächlich reicher geworden, und in Summe liegt die Gegenbuchung im Ausland. Und die Summe des Wachstums (wem auch immer die gewachsenen Früchte gehören), ist mit absolut logischer Sicherheit identisch mit der Summe der Schulden des Auslands bei ‚uns‘, wenn es denn stimmt, dass wir ohne eigene Schulden gewachsen sind. . .
  • Wenn wir dem verschuldeten Ausland (wie z.B. Griechenland, oder den Entwicklungsländern), gelegentlich Schulden erlassen, vergessen wir regelmäßig dazu zu sagen, wessen Guthaben wir dabei streichen.
    Die Logik verlangt aber von uns das dazu zu sagen.
  • Wenn Sie ein Haus finanzieren, gibt Ihnen die Bank einen Kredit. D.h. Sie bekommen Geld und bei der Bank steht der gleiche Betrag auf Ihrem Konto mit negativem Vorzeichen – Sie haben die Schulden, die Bank hat das bei Ihnen Gut – die Bank hat Guthaben. (Verwechseln Sie das Geld, das Sie bekommen haben nicht mit dem Guthaben, das den Schulden gegenüber steht.)
    Mit dem Geld kaufen Sie sich Ihr Haus. Sie erzeugen durch den Handel mit dem Verkäufer kurzfristig Guthaben und Schulden, die sich nach dem Eintrag in´s Grundbuch wieder auflösen. Davon unabhängig besteht Ihr Schuldverhältnis zur Bank weiter. (Und das Guthabenverhältnis Ihrer Bank zu Ihnen – die Bank hat bei Ihnen den Kreditwert gut)
    Wäre der Verkäufer des Hauses Ihr Arbeitgeber, würde er Ihnen im Lauf der Zeit das Geld das er bekommen hat als Lohn wieder auszahlen und Sie zahlen damit Ihre Schulden bei der Bank. Der Kreislauf ist geschlossen. Zu keinem Zeitpunkt waren Schulden und Guthaben jemals unterschiedlich hoch.
  • Zinsen und Geldmenge – noch viel zum Nachdenken. . .

Wenn Sie sich über die Identität von Guthaben und Schulden wissenschaftlich exakter informieren wollen, dann befassen Sie sich z.B. mal mit der Saldenmechanik.

Für meinen Teil belass´ ich es bei diesen herausfordernden Anregungen. . .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.